22.04.2020

Liebe Freunde,

wir hätten heute den ersten Vortrag von mir zur Kuppelmalerei des ersten Goetheanum erlebt.

Ich sende euch aus diesem Vortrag einige Gedanken zum heutigen Abend und freue mich, wenn sie für euch wertvoll waren und wir dadurch eine kurze Zeit im Geiste beisammen sein können.

Mit herzlichen Grüßen

Joachim Heppner

 

Beginnen wir mit dem Wochenspruch der zweiten Woche nach Ostern:

Ins Äußre des Sinnesalls
Verliert Gedankenmacht ihr Eigensein;
Es finden Geisteswelten
Den Menschensprossen wieder,
Der seinen Keim in ihnen,
Doch seine Seelenfrucht
In sich muß finden.

 

Die Malerei nimmt im Reigen der Künste eine besondere Stellung ein. Nicht nur, dass Rudolf Steiner selber Maler wurde im Goetheanum, sondern er gibt ihr auch in dem Vortrag „Das Wesen der Kunst“ eine Besonderheit. Sie steht dort in der Mitte der Schilderungen aller Künste.

Wir sind geneigt die Malerei der Imagination zuzuordnen. Aber in diesem einzigartigen Vortrag, der selber eine Imagination ohnegleichen ist, bekommt sie die Signatur der Intuition.

„«Ich habe nur einen Namen drüben in der richtigen Form bei denjenigen auf dem physischen Plan, welche den Menschen berichten von der geistigen Welt. Die wissen nur meinen Namen richtig anzuwenden. Denn ich heiße die Intuition! Ich heiße die Intuition und bin aus einem weiten Reiche heraus. Und indem ich aus einem weiten Reiche heraus meinen Weg genommen habe in die Welt, bin ich heruntergestiegen aus dem Reiche der Seraphim!»“

So lässt Rudolf Steiner das Wesen der Malerischen Phantasie sich aussprechen. Dieses Wesen äußert sich durch die Tätigkeit des Auges. Jenes Sinnesorgan, das wir in den Kuppelmalerei als Gegenpol zum Ohr schon angeschaut haben. Hier noch einmal zur Erinnerung in der Skizze Rudolf Steiners.

Rote Engelwesenheiten vor dem Auge, die das Blau empfangen von den blauen Wesenheiten vor dem Ohr.

„«Dafür, daß du das getan hast», so sagte die geistige, seraphische Gestalt, die den Namen der Intuition trug, «dafür kannst du jetzt die Menschen ausstatten mit jener Fähigkeit, welche malerische Phantasie ist. Dadurch bist du das Vorbild geworden für die Malerei. Dadurch wirst du imstande sein, in den Menschen eine Fähigkeit zu entzünden. Einen ihrer Sinne, das Auge, das etwas in sich hat, was nicht berührt wird als Denktätigkeit von der eigenen menschlichen Selbstheit — was das zusammenfassende Denken der Außenwelt in sich hat —, jenen Sinn wirst du begaben können, nachdem du die malerische Phantasie in dir hast. Und es wird dieser Sinn imstande sein, in demjenigen, was sonst leblos und seelenlos ist, zu erkennen — durchscheinend durch die Oberfläche — das seelische Wesen.“

Wir sehen daraus, das Auge ist ein Organ der Intuition, weil es das „zusammenfassende Denken der Außenwelt in sich hat“, „was nicht berührt wird als Denktätigkeit von der eigenen menschlichen Selbstheit“. Eine vollkommen selbstlose Denktätigkeit lebt im Auge. Wir können vielleicht auch sagen, eine reine Denktätigkeit.

Das ist auch eines der offenbaren Geheimnisse des Bildes, und die Kuppelmalerei ist in diesem Sinne ein besonderes umfassendes Bild. Die Malerei befindet sich an der Grenze des Raumes, alles ist gleichzeitig vorhanden. Wir haben kein vorher oder nachher, keinen zeitlichen Verlauf, wie dies bei allen anderen Künsten der Fall ist. Alles ist Gegenwart. Wir haben alle Einzelheiten gleichzeitig, und dadurch hat das Bild immer einen Panorama-Charakter, wie das Lebenspanorama als erstes Erlebnis nach dem Tode.

An dieser Stelle möchte ich an den Gedanken von Christiane Gerges anknüpfen. Sie schrieb: „Doch da gibt es ja noch die Gegenwart! Da sie zwischen Vergangenheit und Zukunft zu sein scheint, wird sie immer kürzer, je genauer ich sie zu fassen bekommen möchte. Sie wird schließlich unendlich kurz. Denn je feiner ich unterscheiden kann, umso feiner kann ich das Vergangene und das Zukünftige von einem Moment abtrennen, der immer kleiner wird. Wenn ich die Gegenwart erlebend erfassen möchte, merke ich, dass sie so kurz wird, dass ich keine Bewegung mehr wahrnehme in der Gegenwart. Die Gegenwart ist mit Bewegungslosigkeit verbunden. Wo Bewegung fehlt, fehlt auch die Wahrnehmung von Wesen, von Lebendigem. Die Wahrnehmung einer solchen unendlich kurzen Gegenwart, wie ich sie zwischen Vergangenheit und Zukunft scheinbar erhaschen kann, ist mit einer enormen Einsamkeit verbunden.“

Die Gegenwart kann sich aber ausdehnen, weiten und wird in der Kuppelmalerei zum Bildraum, in dem sich Vergangenheit und Zukunft überlagern. Zunächst durchwandern wir diesen Raum und bewegen uns mit der Aufmerksamkeit von Stelle zu Stelle, von Motiv zu Motiv im Bilde, dann aber kommen wir zur Ruhe und lassen in einer scheinbar zeitlosen Gegenwart das Ganze erklingen. Und weil wir zur Ruhe gekommen und bewegungslos geworden sind, beginnt das Bild sich zu bewegen, nicht räumlich sondern innerlich. Wir können Bezüge erleben, mehr oder weniger wichtige Stellen, Korrespondenzen und Spannungen. Ein Bild kann beginnen zu klingen und so etwas wie eine Symphonie werden. In diesem Moment beginnt es wesenhaft zu werden.

Hier sehe ich einen zweiten Moment in Christiane Gerges Schilderung der letzten Woche: „Vergangenheit und Zukunft strömen nun auf den Wahrnehmenden zu und überkreuzen sich in
ihm. Sie bilden in ihrem Zusammenstoßen Formen, die gleichzeitig von Vergangenheits- und
Zukunftswirkungen zeugen. In dieser ‚Gegenwart der Gleichzeitigkeit‘ werden auf einmal
Gesetzmäßigkeiten wahrnehmbar, die man als Karma bezeichnet.“

Rudolf Steiner lässt in dem Vortrag „Das Wesen der Künste“ drei Urbilder der Malerei aus dem wogenden Meer der Imaginationen heraufsteigen. Für die Betrachtung der Kuppelmalerei kommt besonders das zweite Urbild infrage.

„Und ein zweites Bild stieg auf, das darstellte etwas anderes, und das die geisterhafte Gestalt dadurch erläuterte, daß sie sagte: «Was im Menschenleben in kurzer oder langer Zeit, in der Minute oder Stunde oder in Jahrhunderten vor sich geht und erlebt wird, und was sich zusammendrängt in einen kurzen Augenblick, das wirst du festhalten lehren die Menschen durch die Fähigkeit, die du ihnen gibst. Du wirst die Menschen befähigen, selbst dann, wenn sich Vergangenheit und Zukunft in mächtiger Weise kreuzen, selbst wenn diese zwei Bewegungen von Vergangenheit und Zukunft sich treffen, wirst du sie lehren, wie sie bei ihrem Treffen als eine ebenmäßige Ruhe in der Mitte festzuhalten sind.» Und auf stieg aus der wogenden Welt der Imaginationen das Bild des heiligen Abendmahles von Leonardo da Vinci.“

Diese Charakterisierung trifft voll und ganz auch auf die Kuppelmalerei zu. In der großen Kuppel finden wir die Motive des Weltenwerdens und der Menschheitsentwicklung durch die Zeitenverläufe. Im Westen (oben) beginnend mit der dunkelbraunen Erde, daunter  den 7 Elohim, dann zweimal Auge und Ohr, dann das Paradies im Dreieck. Dann entfaltet sich die Malerei in die Breite, in den aktiven Farbbereich der Regenbogenfarben. Ganz außen links (im Süden) Atlantis und ganz rechts (im Norden) Lemurien. Dann 4 Motive in einem Quadrat um den Mittelpunkt angeordnet. Links unten der Kopf mit den 7 Sternen repräsentiert die ur-indische Kulturepoche, rechts unten die persische, oben rechts im Quadrat die ägyptische und oben links die griechische Kulturepoche. In der Mitte von oben nach unten die bereits betrachteten Motive I: Gottes Zorn und Gottes Wehmut, A: der Reigen der Sieben und O: der Kreis der Zwölf.

 

Wir können uns heute als eine Übung folgende Aufgabe stellen: Versuchen wir die Motive in der großen Kuppel uns in der Vorstellung zu vergegenwärtigen, in ihrer Lage und Richtung. Von oben nach unten wie beschrieben: Sieben (Elohim), zwei mal zwei (Auge und Ohr), Dreieck (Paradies), dann polar gegenüber Zwei Motive (Lemurien und Atlantis), vier Motive (Ur -indische-persische-ägyptische-griechische Epoche) und zum Abschluss I-A-O.

Alleine die geometrische Anordnung der Motive ergibt eine musikalische Komposition. Wer dies anhand der Abbildung nachschaffen kann, der möge versuchen es vom Standpunkt des Betrachters, der in der Mitte des Raumes steht und nach oben blickt. Dann ist die Spitze des Dreieck des Paradiesmotives genau über mir, die darüber liegenden Motive hinter mir und i-A-O vor mir. Das ergibt einen besonderen meditativen Eindruck.

Schließen wir mit dem Wochenspruch:

Ins Äußre des Sinnesalls
Verliert Gedankenmacht ihr Eigensein;
Es finden Geisteswelten
Den Menschensprossen wieder,
Der seinen Keim in ihnen,
Doch seine Seelenfrucht
In sich muß finden.