MITTWOCH 08. APRIL

Liebe Freunde und Interessierte,

Heute ist es an mir, mit Ihnen auf die Plastik zu Blicken, die Rudolf Steiner im Zentrum der Bühne des Goetheanum aufstellen wollte.

Diese “Gruppe”, genannt “der Menschheitsrepräsentant” hat einige Besonderheiten, auf die ich einghen möchte.

Zunächst aber der Wochenspruch für die Kar-Woche:

Wenn aus den Seelentiefen
Der Geist sich wendet zu dem Weltensein
Und Schönheit quillt aus Raumesweiten,
Dann zieht aus Himmelsfernen
Des Lebens Kraft in Menschenleiber
Und einet, machtvoll wirkend,
Des Geistes Wesen mit dem Menschensein.

Im Bau des Goetheanum steht die Gruppe an der Ostwand, also nach Westen dem in den Saal eintretenden gegenüber. Der mehr als 2 Meter hohe Sockel sorgt dafür, das ich, eintretend, dem Menschheitsrepräsentanten direkt auf Augenhöhe begegne. Alle Bögen und Säulen sind wie auf diese Erscheinung ausgerichtet, und gerade schaut mich diese Gestalt mit ernsten Augen an. Hinter mir das ROTE Fenster, vor mir, der Gegenpol, das Christusantlitz.

Seine Gebärde ist mit der linken Hand beinahe wie die Segnung im Tempel mir zugewandt, die Rechte weist mit der Handfläche nach unten. Beide Hände spreitzen zwischen Ring- und Mittelfinger, wie die Segnung in der Synagoge (welche man nicht anschauen darf!). Den rechten Fuß wie im Gange vorgestellt schreitet der Christus auf mich zu.

Seine Gebärde gilt aber nicht mir, sondern seinen zwei Begleitern.

Unter ihm, in einer wurzeldurchdrungenen Erdhöhle sitzt ein Wesen, das offenbar wie im Krampf gefangen, seine ebenfalls linke Hand erhebt, zum Christus hin, während die Rechte, ins Aussermenschliche verzerrt, sich abstützt. Das Gesicht nach oben gewandt, schmerzverzerrt, den Mund halb offen, blickt es, gefesselt von Ranken und Wurzeln, zum Christus auf. Dies Wesen wird Ahriman genannt, Angra Mainyu im Avasta. Dieser Name bedeutet etwa „zerstörender Geist“, allerdings ist Mainyu verwand dem englischen „mind“, meint auch Gedanke; Angra dagegen ist im englischen „angry“ wiederklingend: so kann man auch „auf-störender Gedanke“ übersetzen.

Dieses Wesen hat zum Sonnenwesen eine besondere Beziehung, die sich in der Mythologie als „Zwillingsbruder“ zeigt. Gleichwertig in Fähigkeit ist Ahriman geboren neben Ormuzd (Ahura Mazdao), dem Sonnengeist. In einer Fabel wird ihre Beziehung so beschrieben:

Einst erhielt der Prächtige Prinz der Weisheit (Ahura Mazdao) die Aufgabe die Welt zu erschaffen. Er konnte es aber nicht allein fertigbringen bis in die Stoffe hinein zu Gestalten und alles aufzurichten. Darüber war er traurig. Sein Bruder kam da zu ihm, und er fragte: warum bist du traurig, und der Prinz sagte es ihm. Da sprach sein Bruder: wie kann ich dir helfen, denn ich will nicht, das du traurig bist. Da sprach der Prinz: du kannst mir nicht helfen, denn es würde dich dein Leben kosten. Ahriman aber sprach: gern will ich mein Leben geben wenn du nicht mehr traurig sein mußt und dein Werk vollbringen kannst. Da weinte der Prinz noch mehr und schließlich sagte er: Wenn du mir helfen willst dann können wir danach nicht mehr Brüder sein, sondern wir werden Feinde sein und ein tiefer Hass wird dich durchdringen. Ahriman sprach: dazu bin ich bereit, wenn es nur heißt dass so das Werk erfüllt wird und du nicht mehr traurig bist.

Ein letztes mal umarmten sich da die Brüder und der Prinz begann das Werk. Ahriman aber ertrug es und wurde dunkler und dunkler, bis er dem Licht ganz entwichen war. Darauf konnte nun die Welt gebaut werden.<<

Betrachten wir diese Legende, die eine Opfertat des Ahriman erzählt, kann es klarer werden, in welchem Verhältnis der Christus zu diesem Wesen stehen kann. Ein Widerstand wird da geboten, der eine Schöpfungstat erst ermöglicht.

Die andere Hand hebt der Christus zu einem fallenden Wesen herauf: an der Seite stürzend ist Luzifer zu sehen. Sein Gesicht ist auch von Schmerz erfüllt, aber auch von Trauer und, vielleicht, Überraschung. Sein Wesen ist wie mit einem Mantel umgeben, der sich doch aus seinen eigenen Hüllen erweist.

Luzifer, weit oben, lichterfüllt, kaum mit irdischem befasst, wird durch die Christustat wie aus seiner Regentschaft gestürzt. Dieses Wesen hat sein Dasein als tief berechtigt empfunden und ist nun einer Verwandlung unterworfen: es wird auf den Kopf gestellt, es wird entstellt, verliert sein Ansehen. Die erhobene Hand des Christus ist ihm ein Schlag, Einhalt gebietend.

Luzifer, auch der Christusbruder genannt, ist ein Wesen, dem wir alle Kunst und alle Erkenntnis verdanken. Er bringt das Licht, aber es ist nicht erwärmt mit dem Verständnis der Nöte ander Wesen. Es ist klar und rein, unbeeindruckt von Liebe und ihrer Unvollkommenheit. Luzifers Licht will das Schönste, koste es, was es wolle. Künstler haben sich in Obsessionen daran aufgerieben, Wissenschaftler im Labor im Streben nach Erkenntnissen selbst vergiftet… Die Ergebnisse allein zählen ihm.

Wenn wir den Christus wirklich als Menscheitsrepräsentanten ansprechen, wenn er also da steht an unserer statt, an meiner statt, so muss ich sagen, wo stehe ich, wenn ich da stehe, wo er sich hinein stellt?

Ich stehe, nein, ich gehe da aus der Beziehung hervor die ich zu Luzifer und Ahriman habe. Unter mir, meine Fuß empfangend und von mir ein Entgegenkommen erwartend Ahriman; über mir, mir keinen Seeleninhalt mehr eingebend, keinen Erkenntnisinhalt mehr abnehmend, Luzifer, mir zur Seite stürzend.

Was mich hasst, muss mich anerkennen — was mich initiiert, muss mich gehen lassen.

Natürlich haben wir damit nicht umfassend beschrieben, was da vorgestellt wird, sondern nur einen kleinen Ausschnitt. Die Beziehungen des Christus, und damit des Menschen wie er werden will, geben uns aber Anlass, in unserem inneren die Wesenheiten Ahriman und Luzifer einzubeziehen. In einer empathischen Annäherung vermag mancher vielleicht vorzuahnen, was in dem Christusopfer noch liegt: ein Umgestalten der Geistigen Welt geht da vor, wenn der Christus über die Ostertage immer erneut dem Menschen die Freiheit bestätigt, Verantwortung übernehmen zu können, indem Er uns das, was noch außerhalb des Möglichen liegt, solange abnimmt.

Mit dieser Anregung möchte ich meine Betrachtung schliessen.

Zum Abschluss noch einmal der Wochenspruch:

Wenn aus den Seelentiefen
Der Geist sich wendet zu dem Weltensein
Und Schönheit quillt aus Raumesweiten,
Dann zieht aus Himmelsfernen
Des Lebens Kraft in Menschenleiber
Und einet, machtvoll wirkend,
Des Geistes Wesen mit dem Menschensein.

 

Oliver Reichelt