MITTWOCH 15. APRIL

Liebe Geistes-Freunde,

Ich beginne mit dem Wochenspruch zur Osterzeit:

Wenn aus den Weltenweiten
Die Sonne spricht zum Menschensinn
Und Freude aus den Seelentiefen
Dem Licht sich eint im Schauen,
dann ziehen aus der Selbstheit Hülle
Gedanken in die Raumesfernen
Und binden dumpf
des Menschen Wesen an des Geistes Sein.

 

Mein Thema, mit dem ich am 1. April und am 15. April zu Worte kommen sollte:

 

Karma-Schau weckende Formen – zur plastischen Gestaltung im ersten Goetheanum- Bau

 

Unter diesem Titel waren nur Übungen angekündigt, kein Vortrag. Da das digital sehr schwierig ist, möchte ich doch einige einführende Worte voranschicken:

Wie können Formen Karma-Schau erwecken?

 

Wenn wir das Alltagsbewusstsein anschauen, dann erleben wir es Richtung Vergangenheit in immer dumpfer werdende Bilder aus der Kindheit ausklingen; ausklingen in ein nebuloses Gefühl von einem Ursprung unseres jetzigen Bewusstseins in urfernen Vergangenheiten. Eine Gewissheit lebt in uns, dass wir vor den Momenten, die wir erinnern, nicht gesondert von den anderen Menschen waren, dass das Nebulose mit einem Gemeinschaftlichem verbunden war, nennen wir es ein Einssein im Vater-Gott.

 

Und wie verändert sich unser Bewusstsein, wenn wir Richtung Zukunft uns fokussieren? Wir ahnen eine Situation, in der unsere Taten, unsere Gedanken, sich im kosmischen Gesamtzusammenhang beweisen müssen, wo wir nicht mehr mit dem Selbst abgeschlossen mit unseren Taten und Gedanken sind, sondern wo sie wie vor einer Prüfung des Bestehen- Könnens im Geistesmeer hingestellt werden. Das Stehen vor dem Weltengericht ist ein schönes Bild dafür.

 

Zwischen diesen beiden von uns geahnten Enden scheinen wir im Leben ausgespannt zu sein: der Vergangenheit und der Zukunft. Doch da gibt es ja noch die Gegenwart! Da sie zwischen Vergangenheit und Zukunft zu sein scheint, wird sie immer kürzer, je genauer ich sie zu fassen bekommen möchte. Sie wird schließlich unendlich kurz. Denn je feiner ich unterscheiden kann, umso feiner kann ich das Vergangene und das Zukünftige von einem Moment abtrennen, der immer kleiner wird. Wenn ich die Gegenwart erlebend erfassen möchte, merke ich, dass sie so kurz wird, dass ich keine Bewegung mehr wahrnehme in der Gegenwart. Die Gegenwart ist mit Bewegungslosigkeit verbunden. Wo Bewegung fehlt, fehlt auch die Wahrnehmung von Wesen, von Lebendigem. Die Wahrnehmung einer solchen unendlich kurzen Gegenwart, wie ich sie zwischen Vergangenheit und Zukunft scheinbar erhaschen kann, ist mit einer enormen Einsamkeit verbunden. Einem Erleben von Wesenlosigkeit. Gott sei Dank eine luziferische Illusion, denn es gibt keine Wesenlosigkeit. Und in dieser Einsamkeit der scheinbaren Wesenlosigkeit, ertönt ein Ruf, erst leise, hil[los, dann verzweifelt laut und lauter, ein Ruf hin zur Vergangenheit, hin zur Zukunft, wo die Gewissheit des Zusammenseins mit der Umgebung erahnt wird.

Dieser Ruf kehrt die vom Willen getragene Denkrichtung hin zur Vergangenheit und hin zur Zukunft um. Der Wille trägt die Gedanken nicht mehr in die Ferne, sondern saugt, zieht in diesem verzweifelten Ruf, die göttlichen Gedanken zu sich; die Gedanken der geistigen Wesen. Vergangenheit und Zukunft strömen nun auf den Wahrnehmenden zu und überkreuzen sich in ihm. Sie bilden in ihrem Zusammenstoßen Formen, die gleichzeitig von Vergangenheits- und Zukunftswirkungen zeugen. In dieser ‚Gegenwart der Gleichzeitigkeit‘ werden auf einmal Gesetzmäßigkeiten wahrnehmbar, die man als Karma bezeichnet.

 

Ich erkenne Gegenwärtiges, z. B. eine gebeugte Gestalt, als Wirkung von vergangenem Leid, erkenne im Gegenwärtigen, z. B. in der gebeugten Gestalt, die Hervorbringung von Depression in der Zukunft. Das Leid bringt nicht direkt die Depression hervor. Die Form, die dem Leid nicht standgehalten hat, erzeugt diese erst. Das Leid hätte auch Aggression zur Folge haben können, je nachdem, wie die Form dem Leid begegnet. Der Aggression wäre eine Verhärtung der Form vorweg gegangen.

Diese karmischen Wirksamkeiten eröffnen sich nicht meinem Verstand oder meiner persönlichen Antipathie und Sympathie, sie eröffnen sich mir intuitiv durch Ich-Tätigkeit. Es ist kein äußeres Urteil, keine äußere Regel: z. B. „alle gebeugten Menschen haben Leid erfahren“, so etwas Allgemeines wäre falsch. Die Wirksamkeit wird von innen erlebbar und dieses Atmen in ein anderes Wesen hinein ist eine Tätigkeit des Ich.

 

Je mehr Zeiträume ich mit meinem Interesse durchdringen kann, umso deutlicher tritt mir die Bewegungsqualität der Metamorphose vor Augen. Die ‚Gegenwart der Gleichzeitigkeit’ wird zu einer Art ‚Geistesgegenwart‘, wenn ich das Wesen von innen erlebe und seine Metamorphose durch die Zeiten mir sichtbar wird.

 

In der Kunst ist es möglich, verschiedene Stufen der Entwicklung eines Wesens, also seine Metamorphosenentfaltung, gleichzeitig in die Sichtbarkeit zu bringen durch eine Anreihung. Die Säulen des ersten Goetheanums, die Einritzungen der Glasfenster, die Deckenbemalung sind Beispiele für eine solche Metamorphosen-Kunst der Geistesgegenwart, die dem Anschauenden die Möglichkeiten der Karma-Schau erweckt.

 

Übung:

 

Schaut auf den Bogen von der 3. zur 4. Säule links der Orgel. Nehmt wahr, wie der reliefartige geschnitzte Bogen die Bewegung übernimmt von der nach links strebenden Aufwölbung des architektonischen Bogens zwischen Säule 2 und 3. Wie er gleichzeitig durch den hohen Spann des reliefartigen Bogens zwischen 2 und 3 sich so halten kann, dass er im Zwischenraum zwischen 3 und 4 wie eine ‚Nase‘ nach links bekommt. Die architektonische Wölbung zwischen 3 und 4 in sich zusammensackt, weil sie ihre Schwungkraft in die ätherische Bewegung des reliefartig geschnitzten Bogens abgegeben hat.

Dann der Zwischenraum zwischen 4 und 5: Die Nasenkraft wird so stark, dass sie sich in den architektonischen Bogen zwischen 4 und 5 eindrückt. Erlebt nun zwischen 3 und 4, dass sich die Nase so weit herausgestellt hat, dass sie als nächstes, auf den physischen architektonischen Bogen zurückwirken wird.

 

Und so schaut weiter die Formen an und erlebt wie sie aus dem Vorherigen sich fortsetzen und das Zukünftige schon in sich tragen.

Dann schaut die ganze Reihe an und erlebt das lebendige Wesen von Ein- und Ausstülpungen in ihrem Wechsel von ätherischer und physischer Wirksamkeit. Alles weitere dann einmal später ohne digitales Medium.

 

Und noch einmal zum Abschluss den Seelenkalenderspruch:

 

Wenn aus den Weltenweiten

Die Sonne spricht zum Menschensinn Und Freude aus den Seelentiefen Dem Licht sich eint im Schauen, dann ziehen aus der Selbstheit Hülle Gedanken in die Raumesfernen

Und binden dumpf

des Menschen Wesen an des Geistes Sein.

 

mit lieben Ostergrüßen von Christiane Gerges

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3